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Deutsches Rotes Kreuz

Grundsätze, Leitlinien und Geschichte

Von den Anfängen bis heute

Die Geschichte des DRK

Die Gründerjahre 1859-1881

Eine Idee kommt in die Welt

Im Sommer 1859 wird Henry Dunant, ein junger Kaufmann aus Genf, Zeuge der erschütternden Zustände nach der Schlacht bei Solferino, als Tausende verwundeter Soldaten mangels medizinischer Versorgung sterben. Drei Jahre später bringt er seine Erinnerungen daran zu Papier und ruft dazu auf, freiwillige Hilfsorganisationen zu gründen, die sich in Kriegen der verwundeten Soldaten annehmen. In der Schweiz findet er tatkräftige Unterstützer, und bald stoßen ihre Gedanken auch in anderen europäischen Ländern auf Widerhall. Auf zwei großen internationalen Konferenzen werden die Grundlagen für das Rote Kreuz und die Genfer Konvention geschaffen. Innerhalb weniger Jahre entwickelt sich diese humanitäre Initiative zu einer weltweiten Bewegung, ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter bewähren sich in einer Reihe von militärischen Auseinandersetzungen.

„Hilfsbereit zu jeder Stund“ 1882-1909

Das Rote Kreuz im Kaiserreich

Zwei Jahrzehnte nach Gründung des Roten Kreuzes haben fast alle europäischen Staaten eine nationale Hilfsgesellschaft eingerichtet und sind der Genfer Konvention beigetreten. In Nord- und Südamerika macht das Beispiel ebenfalls Schule. Und über das Osmanische Reich auch in Vorderasien und Nordafrika, dort dann unter dem Symbol des Roten Halbmonds. In den deutschen Staaten entwickelt sich das Rote Kreuz parallel auch zur Hilfsorganisation für Friedenszeiten. Den Frauenvereinen kommt dabei große Bedeutung zu, insbesondere im Gesundheits- und Sozialwesen. Gliederungen wie die Schwesternschaften, die Wasserwacht und die Sanitätskolonnen entstehen. Auch im Ausland kommt es zu ersten großen Friedenseinsätzen, so nach der Brandkatastrophe im norwegischen Aalesund und dem schweren Erdbeben auf Sizilien. 1901 wird Henry Dunant mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet.

Zeitenwende 1910-1919

Der Weg in den Ersten Weltkrieg

Sowohl bei in- als auch bei ausländischen Rotkreuzeinsätzen treten militärische Belange mehr und mehr in den Vordergrund. Ausgerechnet 1914, als die Genfer Konvention ihr fünfzigjähriges Bestehen feiern kann, stürzt Europa, ja die halbe Welt dann in einen Krieg, dessen Ausmaß und Zerstörungskraft ohne Beispiel sind.

Schwesternschaften und Sanitätskolonnen tragen nun die Hauptlast der Rotkreuzarbeit. Sie betreuen zahllose Lazarette und Sanitätszüge, sammeln auch sogenannte „Liebesgaben“ für die Soldaten an der Front. Gegen Ende des Krieges werden selbst Jugendliche zu Hilfsarbeiten herangezogen.

In Genf richtet das Internationale Komitee vom Roten Kreuz eine Zentralstelle für die Gefangenenfürsorge ein. Sie erfasst Kriegsgefangene weltweit, tauscht Nachrichten zwischen ihnen und ihren Angehörigen aus und forscht nach Vermissten. Delegierte aus den skandinavischen Ländern machen sich um die Betreuung der Gefangenenlager in Russland besonders verdient; Elsa Brändström wird als „Engel von Sibirien“ zu einer humanitären Legende.

Reform und Neuordnung 1920-1932

Die zwanziger Jahre

Als Folge des Versailler Vertrages wird auch das Rote Kreuz in Deutschland demobilisiert und entmilitarisiert. Die neue politische Ordnung bedingt sowohl formal wie auch inhaltlich einen Neubeginn für die Hilfsorganisation. Die bis dahin selbständigen Landes- und Frauenvereine schließen sich zu einem nationalen Dachverband zusammen. Wohlfahrtsaufgaben treten in den Vordergrund; der Bedarf dafür ist schier uferlos: Betreuung von Flüchtlingen und Kriegsheimkehrern, Kinderhilfe, Fürsorge für Rentner, Bildungs- und Erholungsangebote, Gesundheitsvorsorge, Rettungsdienst. Das Rote Kreuz spiegelt die gesellschaftlichen Veränderungen der Weimarer Republik wider, es wird jünger, weiblicher, moderner. Die Bergwacht und das Jugendrotkreuz entstehen. Die Aufnahme in die Liga der Rotkreuzgesellschaften dient als ein Schritt, die internationale Isolation zu überwinden. In der Sozialarbeit stellen sich bemerkenswerte Erfolge ein. Doch sie sind nicht von Dauer.

Die Umpolung im „Dritten Reich“ 1933-1949

Der Zweite Weltkrieg und die Folgen

Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten wird auch das Rote Kreuz gleichgeschaltet, Partei- und SS-Kader übernehmen Führungsfunktionen. Während die Wohlfahrtsarbeit teilweise eingestellt, teilweise an nationalsozialistische Organisationen abgegeben wird, rückt die Vorbereitung auf den Kriegsdienst in den Vordergrund. Hinzu kommen verstärkt Einsätze bei Massenveranstaltungen wie Parteitagen oder den Olympischen Spielen.

Im Zweiten Weltkrieg erlebt dann auch das DRK eine Mobilisierung beispiellosen Ausmaßes. Rund 400.000 Helferinnen kommen europaweit zum Einsatz. Viele davon als Krankenschwestern in den besetzten Ländern, später immer mehr auch im zerstörten Deutschland.  

1945 lösen die Besatzungsmächte das DRK wegen seiner Nähe zum NS-Staat zunächst auf, auf lokaler Ebene besteht es vielerorts fort. Zwischen Zusammenbruch und Wiederaufbau wird der Suchdienst zum Synonym für das Rote Kreuz schlechthin. Aus improvisierten Anfängen entsteht eine Institution, die die seelische Trümmerlandschaft der Nachkriegszeit aufzuräumen versucht.

Neubeginn in Ost und West 1950-1965

Wiederaufbau im geteilten Deutschland

Im Westen Deutschlands wird das DRK 1950 wiedergegründet, zwei Jahre später auch in der DDR. Die Aufbauarbeit findet anfangs noch unter schwierigsten Bedingungen statt, die Folgen des Zweiten Weltkriegs sind überall spürbar. Zugleich bestimmt nun zunehmend der Kalte Krieg die Rahmenbedingungen in Ost und West. Klassische Rotkreuzaufgaben wie Rettungsdienst, Erste Hilfe, Katastrophenschutz, Berg- und Wasserwacht nehmen auf beiden Seiten wieder breiten Raum ein. Im Gesundheitswesen kommt der Blutspendedienst neu hinzu. Die Schwesternschaften bestehen nur im Westen fort, auch der Suchdienst und die Sozialarbeit sind dort stärker ausgeprägt als im Osten. Ebenso die Auslandsarbeit, bei der Großprojekte wie das Krankenhaus im südkoreanischen Pusan oder der Einsatz eines Hilfszuges während des Volksaufstands in Ungarn die Rückkehr des DRK auf die internationale Bühne markieren.

Im Schatten der Mauer 1966-1988

Einsätze in Deutschland und in aller Welt

Der wachsende Wohlstand wie auch der technische und medizinische Fortschritt erweitern die Palette der Aufgabenfelder für das Rote Kreuz. Gesundheitsprophylaxe, Veranstaltungsdienste, Kinder- und Jugendbetreuung oder Behindertenarbeit zählen in beiden deutschen Staaten zu den klassischen Bereichen. In der DDR gehören auch der Bahnhofsdienst und der betriebliche Arbeitsschutz zu den Domänen des Roten Kreuzes. In der BRD nehmen etwa Alten- und Pflegeheime, Altkleidersammlungen oder die Betreuung von Aussiedlern breiten Raum ein.

Während das DRK der DDR sich nur in kleinem Rahmen an internationalen Hilfseinsätzen beteiligt, nehmen diese in der westdeutschen Rotkreuzarbeit eine prominente Stellung ein. Während des Vietnamkrieges betreibt das DRK über fünf Jahre hinweg das Hospitalschiff Helgoland, später kommt noch das Hilfsschiff Flora in Krisengebieten in aller Welt zum Einsatz. In den achtziger Jahren gehen zahlreiche Hilfstransporte nach Osteuropa, bis hin zur umfangreichen Erdbebenhilfe in Armenien.  

Wendejahre 1989-2005

Alte und neue Herausforderungen

Die historischen Umbrüche von 1989 erfassen ganz Europa. Bei den turbulenten Ereignissen in der Prager Botschaft und an der innerdeutschen Grenze bewährt sich das Rote Kreuz als ein verlässlicher und unverzichtbarer Akteur. Mit der Wiedervereinigung schließen sich dann auch die beiden deutschen Rotkreuzgesellschaften zusammen. 2001 verlegt das Generalsekretariat schließlich seinen Sitz nach Berlin.

Wegen des schlagartig zunehmenden Autoverkehrs wird der Rettungsdienst nach der Wende besonders beansprucht. Auch auf die Sozialarbeit kommen neue Herausforderungen zu. Durch die massenhaften Bevölkerungsverschiebungen erfährt auch die Suchdienstarbeit einen neuen Schub, gleichzeitig ermöglicht der Zugang zu russischen Archiven die Klärung vieler ungelöster Fälle. In der Inlandsarbeit nehmen Großschadensereignisse wie die Elbe-Flut breiten Raum ein, in der Auslandsarbeit die Tsunami-Katastrophe im Indischen Ozean.

Blick zurück nach vorn 2006 - heute

Hinein ins 21. Jahrhundert

Auch nach der Jahrtausendwende stand die Zeit niemals still. Zwar boten Jubiläen wie das 150jährige Bestehen des Roten Kreuzes Anlass, sich auf seine ursprünglichen Werte und Qualitäten zu besinnen. Gleichzeitig aber sah die Hilfsorganisation sich erneut vor gewaltige Herausforderungen gestellt, zum Beispiel nach den verheerenden Erdbeben im chinesischen Sichuan und in Haiti oder der Atomkatastrophe von Fukushima. Zuletzt bewährte sie sich beim jahrelangen Ausnahmezustand während der Pandemie.

Die Kernaufgaben des Roten Kreuzes sind geblieben, doch muss es den sich verändernden Zeitumständen Rechnung tragen. Das betrifft die unterschiedlichsten Gebiete, vom Klimawandel bis zu sich verschärfenden militärischen Konflikten, von zunehmenden sozialen Spannungen bis zur immer weiter fortschreitenden Digitalisierung. Über 440.000 ehren- und fast 200.000 hauptamtliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Deutschen Roten Kreuzes stellen seine Einsatzbereitschaft sicher, zusätzlich unterstützt durch fast drei Millionen Fördermitglieder.